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Das Problem der "artgerechten Tierhaltung"

Informationen zum praxisorientierten Umgang mit der Tierhaltungs-Problematik im Biologieunterricht

Eine Begriffsklärung

Sowohl in der Literatur als auch in den Medien und den gesetzlichen Bestimmungen zur Tierhaltung werden zunehmend die Begriffe "artgerecht" und "tiergerecht" nebeneinander verwendet.
Dabei ist es wichtig zu wissen, worum es bei diesen Begriffen denn wirklich geht.
Völlig "artgerecht" kann ein Tier nur in seinem natürlichen Lebensraum leben, also unter den Bedingungen, an die sich die Art in Körperbau, Physiologie und Verhalten im Laufe der Evolution angepasst hat.
Von Art zu Art ist die Flexibilität im Umgang mit abweichenden Umweltbedingungen ganz unterschiedlich. Es gibt Arten, die dabei sehr flexibel (anpassungsfähig) sind (Universalisten) und andere, die relativ starr (wenig anpassungsfähig) an konstante Umweltbedingungen gebunden sind (Spezialisten). Davon abhängig ist dann natürlich auch ihre Eignung für die Haltung in Menschenobhut.
Der Begriff "tiergerecht", der bei der "Haltung in Gefangenschaft" eigentlich zutreffender ist, bezieht sich auf die einzelnen gehaltenen Individuen, denen man die Haltungsbedingungen so gestalten will (muss), dass sie physisch und psychisch gesund sind und bleiben. Das kann natürlich nur dann funktionieren, wenn man die artgemäßen Bedürfnisse der Tiere kennt.
Der Gesetzgeber unterscheidet auf Grundlage solcher Überlegungen folglich auch zwischen der Artenschutzgesetzgebung, bei der es im wesentlichen um den Schutz der Arten vor der Ausrottung geht, und der Tierschutzgesetzgebung, bei der es um den Schutz der in Menschenobhut befindlichen Tier-Individuen geht.

Einige grundsätzliche Gedanken zur Haus-, Heim- und Schultierhaltung

Die Haltung von Heimtieren hat in unserer Freizeitgesellschaft eine zunehmend große Bedeutung. Meerschweinchen, Goldhamster, Wellensittiche, Aquarienfische, Reptilien und Insekten gehören heute zum Standartangebot des Zoohandels. Hunde und Katzen als Tiere mit Familienanschluss, Tiere in Aquarien und Terrarien, die zusätzlich auch zur Raumdekoration dienen, sind vor allem im städtischen Bereich weit verbreitet. Sehr viele Kinder haben irgendwann einmal ein Heim- oder Haustier gepflegt und viele Jugendliche und Erwachsene beschäftigen sich als "Liebhaber" auch weiterhin mit der Tierhaltung. Die hohen und weiter wachsenden Umsatzahlen des Zoofachhandels sprechen eine eindeutige Sprache. In Deutschland z.B. werden 7,9 Mio Katzen, 5,3 Mio Hunde, 6,6 Mio Kleintiere und 3,4 Mio Ziervögel gehalten, es gibt 2,1 Mio Aquarien, 2,3 Mio Gartenteiche, und 0,42 Mio Terrarien. In mehr als einem Drittel aller Haushalte gehört die Tierhaltung also zum Familienalltag (Zahlen aus 2007, Quelle: IVH).
Die Gefahr ist groß, dass durch die damit verbundene Kommerzialisierung im Bereich des Tierhandels und der Tierhaltung, Tiere nur noch als "Freizeitartikel", die man jederzeit leicht ersetzen kann, ge- und behandelt werden. Das Bewusstsein dafür, dass man es mit "Naturwesen" zu tun hat, die genau wie wir ein Recht auf die Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse haben und nicht nur zur Befriedigung der unsrigen dienen dürfen, geht auf diesem Wege leicht verloren. Eine gute Übung, um das zu erfahren, sind Besuche in Zoogeschäften und das Anhören von Verkaufsgesprächen.

Weil also die Tierhaltung zu unserer Alltagskultur gehört, ist es
eine ganz wichtige Aufgabe des Biologieunterrichts, sich mit den
aktuellen Problemen dieses Themenbereiches auseinanderzusetzen.

Tierhaltung ist immer damit verbunden, dass das Tier aus seiner natürlichen Umwelt entfernt wird oder sie zumindest nicht frei wählen kann. Mit dem Begriff "artgerechte Tierhaltung" kann dann also immer nur eine möglichst große Annäherung an die Lebensbedingungen in der natürlichen Umwelt gemeint sein.
Das prinzipielle Problem der Tierhaltung ist der "Interessen"-Gegensatz, der in Mensch-Tier-Beziehungen immer auftritt, jedoch häufig und gerade auch von Tierliebhabern übersehen wird. Dieser Konflikt besteht zwischen der Neugier und dem Wissensdrang sowie dem Kontaktbedürfnis des Menschen auf der einen Seite und dem schon erwähnten Anspruch sowie dem inzwischen bei uns auch gesetzlich verbrieften Recht des Tieres auf eine artgemäße Umwelt auf der anderen.
Aufgrund seiner intellektuellen Überlegenheit hat der Mensch die Macht, Tiere in seine Nähe und Obhut zu "zwingen". Jeder, der das tut, muss für sich selbst - natürlich im Rahmen der jeweiligen gesellschaftlichen d.h. vor allem auch gesetzlichen Vorgaben - entscheiden, wie weit er bereit ist, in die Lebenswelt eines Tieres einzugreifen, um seine Neugier oder sein Kontaktbedürfnis bzw. in der Wissenschaft auch allgemeine gesellschaftlich postulierte Bedürfnisse zu befriedigen. Im Wesentlichen ist die Entscheidung für eine bestimmte Art der Tierhaltung also ein ethisches Problem.
Für mich persönlich gibt es nur einen Weg zum "guten" Tierhalter. Dieser "richtige" Weg kann immer nur über eine möglichst genaue Kenntnis der natürlichen Bedürfnisse der Lebewesen führen, sowie über eine verantwortungsbewusste, pflegerische Einstellung. Die gepflegten Tiere und Pflanzen sollten als "Mitlebewesen" in einer gemeinsamen Umwelt gesehen werden.

Bevor man also Lebewesen in seine Obhut nimmt sollte man
Wissen erwerben und sein Gewissen erforschen

Ich möchte hier eine praktikable Möglichkeit vorstellen, mit der man einigermaßen zuverlässig die essentiellen Bedürfnisse einer Tierart herausfinden und so für eine möglichst art- oder besser tiergerechte Haltung sorgen kann.
Mit Hilfe einer Auflistung der wichtigsten Funktionskreise des Verhaltens, man könnte auch sagen der Bedürnisfelder der Tierart kann man eine Prüf-Liste erstellen und an Hand dieser Liste nachprüfen, wie viel man über die natürliche Lebensweise der Art und die damit verbundenen Bedürfnisse weiß und wo es gilt, Lücken zu füllen.
Der folgende Vorschlag für solch eine Liste soll helfen festzustellen, ob und wie bei der Haltung und Pflege einer Tierart deren artgemäße Bedürfnisse berücksichtigt werden können. Sie macht gleichzeitig auch deutlich, dass man auf jeden Fall ein ausreichendes Wissen über Lebensweise und Biologie der Tiere erwerben sollte, bevor (!!) man diese Tiere hält.

Prüfliste der wichtigsten Bedürfnisfelder (auch als pdf-Download)

1. Stoffwechsel

Stabschrecke und Gottesanbeterin

Stabschrecken sind reine Pflanzenfresser, die zumeist auf ganz bestimmte Pflanzenarten spezialisiert sind. Gottesanbeterinnen sind reine Fleischfresser. Sie ernähren sich ausschließlich von lebender, sich bewegender Beute.

2. Fortbewegung, Orientierung im Raum, Raumausnutzung (Aktivität)

Buntbarschaquarium

So sieht ein artgerecht eingerichtetes Aquarium für zwei Familiengruppen des Vielstreifen-Schneckenbuntbarsches Neolamprologus multifasciatus aus. Zwei durch größere Steine getrennte Reviere enthalten eine Anzahl von leeren Schneckenhäusern als Zuflucht und Bruthöhlen (genauere Angaben zur Einrichtung und Pflege erhalten Sie unter der Internetadresse http://www.biologiedidaktik.at/Tiere/Schneckenbuntbarsch.html)

3. Ruhe und Schlaf

Stabschrecken

Stabschrecken sind nachtaktiv. Tagsüber verbergen sie sich bewegungslos in den Zweigen ihrer Futterpflanzen und verlassen sich auf ihre gute Tarnung. Sie müssen also solche Strukturen auch bei der Gefangenschaftshaltung zur Verfügung haben.

4. Körperpflege (Komfortverhalten)

5. Sozialstruktur, Sozialverhalten

Schwarze Neonsalmler

Der schwarze Neonsalmler (Hyphessobrycon herbertaxelrodi) zeigt, wie viele seiner nahen Verwandten, Schwarmverhalten und sollte nie allein gehalten werden.

6. Fortpflanzung

Neolamprologus und Schwarzkäfer

Neolamprologus kungweensis ist ein kleiner, leicht im Aquarium zu pflegender Buntbarsch aus dem Tanganjikasee. Er brütet in selbst gegrabenen Röhren im Bodengrund. Im Aquarium muss man ihm Strukturen anbieten, die das Graben von solchen Röhren ermöglichen. Man kann dazu z.B. Stücke von Kunststoffrohren verwenden. Schwarzkäfer (Zophobas morio) legen ihre Eier in enge Spalten und Ritzen und brauchen dazu auch im Terrarium solche Strukturen.

7. Territorialität

Neolamprologusgruppe

Eine Familiengruppe von Neolamprologus multifasciatus über dem Zentrum ihres Territoriums. Dort befinden sich die leeren Schneckenhäuser, die als Zuflucht und Laichplätze dienen. Alle Tiere verteidigen das Gruppenterritorium. Will man den Tieren die Möglichkeit bieten ihr artgemäßes Sozialverhalten zu zeigen, muss man ihnen Gelegenheit geben, solche Familienterritorien anzulegen (siehe http://www.biologiedidaktik.at/Tiere/Schneckenbuntbarsch.html)

8. Feindvermeidung, Feindabwehr

Schlammpeitzger und Gespenstschrecke

Der Schlammpeitzger (Misgurnus spec.) braucht Stellen mit möglichst feinem Bodengrund, da er sich häufig z.B. bei Gefahr darin verbirgt.
Die Männchen der Gespenstschrecke Eurycantha calcarata zeigen ein typisches Abwehrverhalten, wenn man sie angreift. Mit den kräftigen Beindornen an den Hinterbeinen können sie auch dem pflegenden Menschen Verletzungen zufügen.

Beispielhafte Beantwortung der Prüflisten-Fragen für die Rennmaus (Meriones unguiculatus)

Zu 1. Stoffwechsel:

Rennmäuse suchen ihre Nahrung vor allem tagsüber und in der Dämmerung in der Umgebung ihres Bausystems. Sie fressen sowohl die grünen Teile von Gräsern und Kräutern als auch die Samenstände und die reifen (trockenen) Samen und die Wurzeln. Dazu nagen sie die entsprechenden Pflanzenteile ab bzw. graben sie aus und fressen sie vor Ort oder an einem sicheren Platz, wo sie sie hintragen. Für die Nahrungssuche und -bearbeitung wird relativ viel Zeit verwendet.
Artgemäßes Futter sind also grüne und mehr oder weniger trockene Pflanzenteile, wobei der Wassergehalt der natürlichen Nahrungspflanzen eher geringer ist (vor allem in den Trockenzeiten). Bei domestizierten Tieren (Rennmäuse werden seit sehr vielen Generationen in Gefangenschaft gehalten und gezüchtet) bestehen schon Anpassungen im Magen-Darm-Trakt als Folge der flüssigkeitsreicheren und nährstoffhaltigeren Nahrung!! In der Natur haben Rennmäuse ein großes Nahrungsspektrum. Je nach Verbreitungsgebiet und Vorkommen gehören auch ab und zu Insekten u. a. Invertebraten dazu.
Die Fressplätze sollen entweder Rundumsicht gewähren oder geschützt sein, um Feinde rechtzeitig zu entdecken bzw. sich vor ihnen geschützt zu fühlen. Trifft das nicht zu, so hat man dauernd gestresste Tiere, die dadurch auch krankheitsanfälliger sind. Die Nahrung kann in der Einstreu verteilt werden, so dass die Tiere Gelegenheit zur Nahrungssuche haben.
Flüssigkeit wird hauptsächlich über die Nahrung aufgenommen und nicht als freies Wasser. Rennmäuse können längere Zeit ganz ohne Wasser und mit relativ trockener Nahrung auskommen.
Kot und Urin werden im Bau in extra Gängen oder Kammern oder an der Bodenoberfläche abgegeben, nicht in den Wohnkammern.
Bei der Säuberung des Käfigs sollte man darauf achten, dass nicht die gesamte geruchliche Umwelt zugunsten hygienischer Überlegungen zerstört wird.

Rennmaus bei der Nahrungsaufnahme

Rennmäuse (Meriones unguiculatus) verbringen einen erheblichen Teil ihrer Aktivitätszeit mit der Nahrungssuche. Die gefundenen Nahrung fressen sie meist auf den Hinterbeinen sitzend in dem sie sie geschickt mit den Vorderpfoten manipulieren.

Zu 2. Fortbewegung, Orientierung im Raum, Raumausnutzung (Aktivität):

Die Streifgebiete einer Familiengruppe an der Bodenoberfläche wurden mit 300 bis 1500 m² gemessen. Die Bausysteme sind je nach Gruppengröße und Zusammensetzung unterschiedlich groß (normalerweise Ganglängen von ca.5-6m mit 5-10 Ein- und Ausgängen. Die Wohnkammern befinden sich im Sommer in ca. 40cm Tiefe im Winter in bis zu 150cm Tiefe. Neben dem Hauptbau werden oft auch noch kleinere Nebenbaue gegraben. Bei Gelegenheit werden auch Baue von Wühlmäusen verwendet. Wohnkammern haben die Größe von ca. 15 bis 30cm im Durchmesser. Sie werden mit Blättern u. a. Pflanzenmaterial (mehr oder weniger fein zersplissen) ausgepolstert, manchmal auch mit Haaren oder Federn.
Domestizierte Rennmäuse zeigen gegenüber ihren wilden Vorfahren ein deutlich reduziertes Aktivitätsverhalten.
Bei der Nahrungssuche und anderen Aktivitäten an der Bodenoberfläche passen immer einige Tiere auf, indem sie an erhöhten Stellen des Territoriums in "Hab-Acht-Stellung" umherschauen und sichern. Bei Gefahr alarmieren sie durch Fußtrommeln die anderen, die dann ebenfalls sichern und bei erkannter Gefahr fliehen.

Rennmaus in Hab-Acht-Stellung

"Hab-Acht-Stellung" und Sichern einer Rennmaus bei einer Störung außerhalb des Käfigs.

Wichtiger als die absolute Größe des Bewegungsraums ist dessen Strukturierung. Ein Käfig sollte die Möglichkeit zum Graben gewähren und ein unterirdisches Bausystem enthalten. Bewegen sich die Tiere an der Oberfläche, sollten sie die Möglichkeit haben ihre Umgebung zu beobachten (keine ganz geschlossenen Kistenkäfige!)
Die Wohnkammer im Bausystem ist so etwas wie ein soziales Zentrum, in dem sich immer wieder alle Gruppenmitglieder treffen. Viele soziale Verhaltensweisen finden hier statt und es kommt hier zum "scent-sharing" (die Individualdüfte werden durch den engen Kontakt vermischt und es entsteht so ein typischer Gruppenduft).

Kunstbaukäfige

Ausschnitt aus einem Kunstbaukäfig für Rennmäuse. Gangsysteme und Wohnkammern sind aus einem Gasbetonblock (Ytong) herausgearbeitet und mit einer Sichtscheibe abgedeckt, so haben die Tiere ihre unterirdisch geschützten Zufluchts-, Schlaf- und Aufzuchtplätze und können dennoch beobachtet werden. (Bauanleitung siehe: http://www.biologiedidaktik.at/Tiere/Rennmaus.html)

Zu 3. Ruhe und Schlaf:

Der Aktivitätsrhythmus von Rennmäusen im natürlichen Lebensraum ist je nach Jahreszeit und Witterungsbedingungen (Temperatur, Wind, Niederschlag) recht flexibel. Aktivitätsmaxima liegen aber in der Regel in den Vormittagsstunden und am späteren Nachmittag bzw. am Abend (um den Sonnenuntergang). Das findet man so auch bei domestizierten Tieren.
Die durchschnittliche Laufstrecke eines Tieres beträgt ca. 1-1,8 km pro Tag. Bei domestizierten Tieren ist die Laufaktivität stark verringert (mit Veränderungen des Bewegungsapparates einhergehend!!).
Ruheplätze müssen möglichst sicher vor Störungen sein. Meist ruhen die Tiere im Bau, wo sie auch ihre Schlafphasen verbringen. Die Tiere schlafen meist eng zusammengedrängt in einem Schlafhaufen in ihren Wohnkammern. In Gefangenschaft schlafen sie bei hohen Temperaturen auch ab und zu außerhalb der Schlafkammer im Schlafhaufen frei auf dem Boden.

Zu 4. Körperpflege (Komfortverhalten):

Zum Putzen benötigen Rennmäuse, ähnlich wie beim Fressen, ruhige vor Störungen sichere (stressfreie) Plätze.
Das Sandbaden gehört unverzichtbar zum Komfortverhalten der Rennmäuse. Sie brauchen regelmäßig die Gelegenheit in feinem Sand (Staub) zu baden. Auch gelegentliche Sonnenbäder scheinen sie zu mögen. Es sollte in keinem Käfig eine Schüssel mit feinem Sand fehlen. Man kann auch Sand unter die Einstreu mischen. Fehlt der Sand, so sieht man das sehr schnell daran, dass das Fell nicht mehr schön seidig glänzend sondern eher etwas struppig ausschaut.

Zu 5. Sozialstruktur, Sozialverhalten:

Mongolische Rennmäuse leben in Gruppen, die in der Regel aus einem adulten Paar sowie Jungtieren aus bis zu 3 aufeinander folgenden Würfen bestehen (nach Freilandbeobachtungen können aber offensichtlich auch mehrere adulte Männchen und Weibchen zur Gruppe gehören). Die Gruppengröße beträgt bis zu 17 Tiere.
Die Gruppenmitglieder erkennen sich am gemeinsamen Gruppengeruch (scent-sharing s.o.) und sind friedlich und freundlich zueinander. Fremde Rennmäuse, die in das Gruppenterritorium eindringen werden erkannt und verjagt.
Die Gruppenmitglieder kommen immer in ihrer Wohnkammer zusammen.
In der Rangordnung steht das territoriale Männchen an erster Stelle. Subdominante Männchen und Weibchen werden offensichtlich durch die Gruppensituation in ihrer sexuellen Entwicklung gebremst auch wenn sie schon im reproduktionsfähigen Alter sind. Es gibt nur ein Paar, das sich fortpflanzt.
Ältere Jungtiere, die reproduktionsfähig werden (vor allem Männchen) werden vertrieben und müssen die Gelegenheit haben aus dem Territorium zu fliehen.
Man sollte also Rennmäuse nie als Einzeltiere halten sondern ihnen die Gelegenheit bieten in einer Gruppe aufzuwachsen und zu leben. Ältere Jungtiere sollten regelmäßig entfernt werden, um aggressive Auseinandersetzungen vor allem mit dem Elternpaar zu vermeiden.

Zu 6. Fortpflanzung:

Rennmäuse sind auch in ihrem Sexualzyklus an die Umweltbedingungen ihrer Heimat angepasst. Bei günstigen Bedingungen (Niederschlag, grüne wasserhaltige Pflanzenteile, ausreichende Nahrung) haben sie eine sehr rasche Generationenfolge. Das Weibchen wird nach einer ca. 3-wöchigen Tragzeit und der Geburt der Jungen sofort wieder aufnahmefähig und begattet, so dass es im ca. 4-wöchigen Abstand bis zu 5 Würfe hintereinander bekommen kann. Das ist eine wichtige Anpassung dieser Art, die in ariden Gebieten vorkommt und auf günstige Umweltbedingungen für die Aufzucht von Jungtieren warten muss. Die Steuerung erfolgt offensichtlich über den Flüssigkeitsgehalt der Nahrung.

Rennmausmutter säugt ihre Jungen

Ein Rennmausweibchen säugt Jungtiere in der Wohnkammer des unterirdischen Kunstbaues. Im Hintergrund sitzt der Vater, der mit den Jungen aus dem vorherigen Wurf dieselbe Kammer bewohnt.

Im natürlichen Lebensraum kommt es immer wieder vor, dass aufnahmefähige Weibchen nicht nur vom dominanten Gruppenmännchen sondern auch von Männchen aus anderen Gruppen (Nachbarn) begattet werden (auch bei anderen Tierarten ist "Fremdgehen" eine häufige weibliche Strategie).
Unter den beengten Gefangenschaftsbedingungen darf kein zweites fortpflanzungsbereites Männchen in der Gruppe sein!! Auch bei den Weibchen besteht eine klare Dominanz des Muttertiers. Es bekommt als einziges Weibchen Junge. Die Töchter müssen abwandern um sich fortpflanzen zu können.
Die Geburt findet in der Wohnkammer statt. Alle Familienmitglieder kooperieren von Anfang an bei der Betreuung der Jungtiere.
In Gefangenschaft ist es je nach Platzbedarf sinnvoll und notwendig die älteren Jungtiere rechtzeitig aus dem Käfig zu entfernen, da sie sich nicht wie im natürlichen Lebensraum selbst aus dem Elternterritorium entfernen können, um außerhalb der Gruppe Geschlechtspartner zu finden.

Zu 7. Territorialverhalten:

Rennmäuse sind territorial. Eine aus einem erwachsenen Paar und dessen Nachwuchs (bis zu 3 Generationen) bestehende Familiengruppe bewohnt einen gemeinsamen Bau und verteidigt den Bau und ein Revier von ca. 300-1500m² an der Bodenoberfläche gegen fremde Rennmäuse (Erkennen am Gruppengeruch s. o.).
Die Größe der Territorien hängt von der Gruppengröße, der Stärke (Größe) des Männchens, der Nahrungssituation und der Populationsdichte ab.
Vor allem das dominante Männchen sorgt für die territoriale Verteidigung des Reviers. Es markiert mit seiner Ventraldrüse Gegenstände (Steine, Hölzer etc.) und Bodenerhebungen vor allem an den Reviergrenzen aber auch z.B. am Sandbadeplatz oder den Baueingängen. Fremde Tiere werden berochen und am Geruch als fremd erkannt, wobei fremde Männchen sofort angegriffen und vertrieben werden. Fremde Weibchen werden vom dominanten Männchen geduldet, vor allem, wenn sie im Östrus sind. Vom dominanten Weibchen werden sie hingegen aggressiv behandelt und vertrieben.
Für die Gefangenschaftshaltung bedeutet das, dass in einem Käfig oder Gehege nur eine Familiengruppe gehalten werden kann und dass das Hinzusetzen fremder Tiere in ein besetztes Territorium (Käfig / Gehege) nicht möglich ist. Das Zusammengewöhnen einander fremder Tiere sollte immer auf "neutralem" Boden versucht werden. Es ist in der Regel nur bei ganz jungen und bei verschiedengeschlechtlichen Tieren empfehlenswert. (im Zweifelsfalle Geschwister nehmen!!)

Zu 8. Feindvermeidung / Schutzverhalten:

Mongolische Rennmäuse haben einen sehr guten Gesichtssinn. Die Augen spielen neben dem Geruchssinn und dem Gehör eine wichtige Rolle in der Umweltorientierung. Besonders wichtig sind sie bei der Feinderkennung und -lokalisierung.
"Wächter" beobachten in typischer Weise von Erhebungen am Boden aus die Umgebung und warnen ihre Artgenossen beim Auftauchen von Luft- oder Bodenfeinden mittels Fußklopfen. Alle anderen Tiere zeigen daraufhin Sicherungsverhalten und fliehen, wenn sie den Feind ausgemacht haben, in den nächsten Baueingang. Die Rennmäuse reagieren genauso auf die Warnpfiffe der Erdhörnchen, die mit ihnen denselben Lebensraum besiedeln. Von Angriffen auf Individuen anderer Arten (Feinde bzw. Konkurrenten) ist nichts bekannt.
Für die Gefangenschaftshaltung bedeutet das, dass die Tiere Käfige benötigen, aus denen heraus sie ihre Umgebung beobachten können und in denen sie bei Bedarf in sichere Verstecke (am besten Gänge und Kammern unter dem Boden) fliehen können.
Wenn die Tiere ihren Pfleger und die mit der Pflege verbunden Geräusche und Tätigkeiten kennen gelernt haben (Füttern mit "Leckerbissen" / vorsichtiges nicht zu lautes Hantieren etc.) dann zeigen sie kein Fluchtverhalten mehr sondern suchen sogar den Kontakt. Aggressives Verhalten gegen den Pfleger und Beißen kommt so gut wie gar nicht vor, dafür aber Stressreaktionen bei zu starken Störungen und Eingriffen.
Dies sind einige der wichtigsten Bedürfnisfelder, die zu beachten sind, wenn man die gepflegten Tiere möglichst artgerecht halten will. In den diversen Lehrbüchern der Verhaltensbiologie findet man ausführliche Auflistungen von Funktionskreisen an denen man sich bei der Aufstellung von solchen Prüflisten orientieren kann.

Einige Ratschläge für die (Schul)Tierhaltung

Dem aufmerksamen und praxisorientierten Leser dürfte bei der Auflistung der zu berücksichtigenden Bedürfnisse schon klar geworden sein, dass es bei der Tierhaltung (Schultierhaltung) zu Reibungen zwischen Artgerechtheit und Praxisgerechtheit kommen muss. Dieses Problem betrifft das Halten von lebenden Organismen ganz allgemein. Immer dann, wenn ein Tier aus seiner natürlichen Umwelt in einen künstlichen Lebensraum übersiedelt wird, tritt dieser Konflikt zutage. Er lässt sich nicht beseitigen, aber begrenzen und man muss sich auf jeden Fall kritisch damit auseinander setzen.
Deshalb hier zum Schluss eine Liste von Möglichkeiten, mit denen man sowohl bei der Schultierhaltung als auch bei der Heimtierhaltung diesen Konflikt begrenzen kann:

Literatur:

Internetquellen:

http://www.tierschutz-tvt.de/heimtiere2.html
http://www.tiere-unter-menschen.de/umgang_mit_tieren.htm
http://www.tierschutzbund.de/
http://www.iemt.at/
http://www.iemt.ch/
http://www.krax.ch/